xdevx – cd & live reviews


Melt! – LIVE-Blogging am Samstag!
19 Juli, 2008, 7:45
Gespeichert unter: 09. melt! | Schlagworte: ,

17:30 Uhr: Das wechselhafte Wetter mit vereinzelten, aber dafür gewitteratigen Regengüssen trübt die ausgelassene Festivalstimmung. Die neonfarbenen Röhrenjeans und Klettverschluss-Sneakers weichen am Samstag Bundeswehrparkas und Stiefeln. Gerade hagelt und donnert es. Vor zehn Minuten schien noch die Sonne. April-Wetter im Juli. Da fragt man sich unwillkürlich was die Klimaforscher einem so hoch und heilig versprochen haben. Nichtsdestotrotz wird dieser Samstag über die widrigen Wetterverhältnisse hinwegtrösten: ein Exklusiv-Gig von Franz Ferdinand, die bezaubernde Roísín Murphy und die Ed-Banger-Familie mit Mr. Oizo, Uffie und Feadz werden für positive Stimmung sorgen. Gerade spielen PeterLicht auf der Main Stage und Møenster auf der Big Wheel Stage.

melt! eingang

20:30 Uhr: Erlend øye ließ es sich nicht nehmen seine aktuelle Lieblingsband selbst anzukündigen: Kakkmaddafakka. Die neunköpfige Spaßcombo aus Bergen konnte auch schnell die durchnässten Zuschauer mit ihrem wilden Skap/Pop/Punk begeistern. Obschon der Name es erahnen lässt, haben Cobblestone Jazz nicht sonderlich viel mit Jazz gemein. Einzig das beeindruckende Zusammenspiel hinter den Decks und die spartanisch eingeworfenen Jazzsamples lassen einen Jazzhintergrund vermuten. Nichtsdestoweniger pumpt das ohne Ende, fern von holprigen Improvisationen. Der Wiener DJ Beware deckt mit seinem Stil, gemäß seinem Leitspruch „musicality is the number one priority“, fast alle Musikrichtungen ab. Schwerpunkt ist jedoch Musik mit Hip Hop- und Funk-Orientierung. Im Laufe des Abends werden dann auf der Red Bull Music Academy Stage die Sounds der brasilianischen Favelas ertönen: Baile Funk. Dabei werden dann die auf dem Melt! vorherrschenden Sprachen Englisch und Deutsch von der portugisischen abgelöst, die als Kontrapunkt zur popkulturellen Dominanz der angloamerikanischen Sprache verstanden wird. Dabei ist der deutsche MC Gringo der wohl einzige Nicht-Brasilianer, der es in den Vororten von Rio de Janeiro zum Funk-Carioca-Star gebracht hat. Die Red Bull Stage beweist abermal, dass die Red Bull Music Academy am Puls der Zeit liegt und stets neue Trends setzt. Dubstep und Baile Funk sind THE new shit.

melt! crowd

23:00 Uhr: Die Weilheimer Indietroniker von The Notwist fangen mit einer einstündigen Verspätung an, enttäuschen die vor der Bühne wartenden Fans aber nicht. Ein absolutes Highlight. Weniger “wichtig” und “einflussreich”, aber nicht minder spannend präsentierten sich die jungen Australier von Operator Please. Nicht erst seit Ober-Gossip-Blogger Perez Hilton auf sie aufmerksam machte, gelten die Jungspunde als verheißungsvoller Newcomer. Wenn man mal das Glück hat, Henrik Schwarz live hinter seinem Laptop zu erleben, dann kann man sich auf einen gelungenen Abend freuen. Die Art und Weise, wie er es schafft völlig unverkrampft Soul und Jazz mit Techno und House zu verbinden ist wirklich großartig. Auch großartig, wenn aber sehr viel direkter, unredlicher und unverschämter zeigt sich die unumstrittende Königin des Funk Carioca Deize Tigrona und rappt dabei so unverblümt über Sex wie es sonst nur ihre prolligen männlichen Kollegen können. Jetzt geht’s zu den Stereo MC’s – der furzende Bass lockt.

melt! oben

23:30 Uhr: Die Stereo MC’s haben die unteren Frequenzgänge wohl allein für sich beansprucht. Es rumpelt und donnert als gäbe es kein Morgen mehr. Da in absehbarer Zeit das Pressezelt schließt, melde ich mich für heute ab und berichte morgen wie Franz Ferdinand, Roísín Murphy, die Ed-Banger-Artisten, Boys Noize und alle anderen waren.

melt! franz ferdinand

7:00 Uhr: Auf der Hauptbühne fragten Franz Ferdinand ganz rhetorisch: “Do you wanna?” Die angemessene Antwort ließ nicht lange auf sich warten und das Publikum ließ sich nicht zweimal bitten um zu der fuchsteufelswilden Gitarren- und Beatcombo abzutanzen und den Elementen zu trotzen. Roísín Murphy unterstrich derweil ihre unbestrittene Disco-Queen-Rolle und zeigte sich gut aufgelegt. Nach knapp 15 Jahren im Geschäft zeigte Clifford Price aka Goldie, dass Drum’n'Bass immer noch salonfähig und absolut geeignet ist um dem Berliner Alex Ridha aka Boys Noize die extatische Meute zum Endspurt zu überlassen. Auf der Big Wheel Stage legte der Berliner Len Faki auf, der nicht zuletzt seit seinem Hit “Mekong Delta” auf sich aufmerksam machen konnte. Aus Italien kam schon immer der schrägste Scheiß auf den Tanzflächen: Italo Disco, Rimini-Rave und nun die Crookers, die von Bonde do Role bis zu den Chemical Brothers alles durch den Reißwolf drehen und dabei ohne Rücksicht auf Etiquette oder Stilvorgaben dem Hedonismus fröhnen. Klar die Grenzen aufgezeigt bekamen aber alle bisher Genannten vom Pariser Ed-Banger-Onkel Mr. Oizo, der wohl neben dem abgefahrenen Culture-Clash von Feadz, Uffie und Technotronic, das bisherige Highlight des Festivals war und wahnwitzige Breaks und Glitches bis zur völligen Überreizung performte. Zur Zeit kommt halt niemand am Ed-Banger-Sound vorbei.

Fotos: Azhar Syed, Marc Seebode, Reinaldo Coddou, Thomas Victor, Geert Schäfer, Be George


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